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Sonntag, 18. Juli 2010

Persönlichkeitsrechte gelten auch im Netz

Wer im Internet verunglimpft wird, kann sich wehren. Schwierig wird es, wenn der Server im Ausland steht - und das Opfer den Täter nicht kennt. Ein Interview mit Medienrechts-Anwalt Tobias H. Strömer geführt von Doris Amseln.



Doris Amseln: Herr Strömer, wo beginnt Mobbing im Internet?

Tobias H. Strömer
: Ob sich jemand gemobbt fühlt, ist natürlich subjektiv. Was man sich auch im Internet nicht gefallen lassen muss, ist Verleumdung, die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und die Verletzung des Rechts am eigenen Bild.

Doris Amseln
: Welche Möglichkeiten haben Opfer, sich zu wehren?

Strömer
: Das hängt vor allem davon ab, ob man den Täter kennt oder nicht. Das Internet ist ja ein ziemlich anonymes Medium. Wenn ein unbekannter Täter jemanden auf einer ausländischen Domain verleumdet, deren Server auch noch im Ausland steht, hat das Opfer gar keine Möglichkeit, sich zu wehren. Das ist zum Beispiel bei YouTube der Fall. Wenn das Opfer den Täter kennt und die Videos oder Bilder auf einer de-Domain stehen, muss man im Prinzip gar nicht von Mobbing reden. Es reicht zum Beispiel schon, mit einer Bildaufnahme nicht einverstanden gewesen zu sein. Bei Handyvideos, in denen Lehrer verunglimpft werden, ist das sicherlich der Fall.

Doris Amseln
: Welche rechtliche Handhabe hat das Opfer dann? Wie sollte man vorgehen?

Strömer
: Als ersten Schritt kann man dem Täter eine Abmahnung schreiben, ihm mitteilen, welche Rechte er verletzt hat, und ihn zur Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung auffordern. Wenn das nicht hilft, ist eine zivilrechtliche Klage auf Schadenersatz meistens sinnvoller als der strafrechtliche Weg, denn solche Verfahren werden oft schnell eingestellt.

Doris Amseln
: Welche Schadenersatzansprüche drohen den Tätern?

Strömer
: Das können Forderungen zwischen 2500 und 15.000 Euro sein. Eine Frau, deren Kopf digital auf eine Nacktaufnahme montiert wurde, erstritt 9000 Euro Schadenersatz. Sind Schüler die Täter, ist immer die Frage, ob sie überhaupt haftbar sind. Kinder ab sieben Jahren sind eingeschränkt deliktfähig und haften auf Schadenersatz. Das setzt allerdings voraus, dass der Täter das Unrecht seiner Tat überhaupt versteht. Vielen Jugendlichen ist nicht klar, dass auch im Internet nicht alles erlaubt ist. Hier muss die Medienpädagogik ansetzen, das ist auch aus juristischer Sicht wichtig.

Doris Amseln
: Abgesehen von mehr Aufklärung der Schüler: Brauchen wir in Deutschland spezielle Gesetze gegen Diffamierungen im Internet?


Strömer
: Von solchen Forderungen halte ich nichts. Die bestehenden Gesetze zum Schutz der Persönlichkeitsrechte gelten auch, wenn die Beleidigungen und Diffamierungen im Internet geschehen. Auch der neue Stalkingparagraf gilt im Internet. Wer jemandem also online immer wieder nachstellt oder ihn bedroht, macht sich strafbar. Bloß muss man diese Gesetze eben auch anwenden.
Tobias H. Strömer ist Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz und vertritt vor Gericht häufig Mandanten, die ihr Persönlichkeitsrecht im Internet verletzt sehen.
Das Interview wurde für die ZEIT online geführt.

Dienstag, 15. Juni 2010

Blogettes berichtet

Mirjam von chic & schlau hat mich für die "Blogettes" über "Bloger against Mobbing" interviewed.
Mein Eindruck ist, dass sie eher der Meinung ist, dass diese Aktion zu viel Aufmerksamkeit für die anonymen Kommentatoren sei. Ich sehe diesen Blog als erste Anlaufstelle für Betroffene und als Plattform für einen Austausch an Informationen für Interessierte. Also Aufmerksamkeit für Betroffene!
Screenshots vom Bericht habe ich gemacht. Wenn Ihr auf die Bilder klickt, werden sie größer.
Ich würde mich über eine kleine Rückmeldung sehr freuen.


Wer die neue farbenfrohe Ausgabe der "Blogettes" lesen möchte, tue das bitte hier.

Montag, 7. Juni 2010

Das erste Interview

Emily: Ich freue mich sehr, dass ich dieses Interview zum heiklen Thema Mobbing mit Dir führen darf. Kannst Du uns zunächst ein paar Auskünfte zu Deiner Person geben?



Lia: Hallo Emily. Mein Name ist Lia Addams und ich bin 20 Jahre alt.

Emily: Im Vorgespräch hast Du mir berichtet, dass Du Opfer von Mobbing im realen Leben geworden bist. Kannst Du uns Näheres zur Vorgeschichte der Geschehnisse erzählen?

Lia: Alles fing damit an, dass ich ab der 7. Klasse aufs Gymnasium ging. Leider schaffte ich es nur bis zur 9.Klasse. Ich kam in Mathe nicht mehr mit und musste deshalb den 10.Klasse-Abschluss an einer normalen Sekundarschule in meinem damaligen Heimatort machen. Schon am ersten Schultag spürte ich, wie mir Hass und Missachtung von Seiten der Schüler entgegenschlug. Die Blicke und die viel zu lauten Flüstereien. "Schau dir die mal an!", "Was ist DAS denn?". Ich war damals ein Gothic unter Rechtsgesinnten und Hoppern, klar das ich dort keinen Anklang fand. Drohungen, Stacheleien, auch Handgreiflichleiten gehörten dann zum Alltag. Ein Jahr in der Hölle!

Emily: Wie ging es dann weiter? Nach der Schule hörte das Problem ja leider nicht auf.

Lia: Nach der Schule begann ich meine Ausbildung zur Sozialassistentin. Die ging zwei Jahre und alles lief toll! Ich fand eine Freundin, mit der ich über alles reden konnte und hatte eine wunderbare Zeit. Nach der Ausbildung wollten wir gemeinsam die Ausbildung zur Erzieherin machen und da fing es an. Die Klassen wurden neu zusammengewürfelt. Von einem Moment zum anderen war ich für meine angebliche Freundin nicht mehr interessant. Das hätte ich verkraften können, jede Freundschaft schwächt irgendwann ab, doch damit war es ja nicht getan. Plötzlich fingen die neuen Schülerinen an zu tuscheln, wenn ich auftauchte, lachten und blickten hämisch in meine Richtung. Ich war mutiger als damals (in der Schule) und ging zu ihnen, um das klarzustellen und fragte, was das solle. "Ach nichts!" lachten sie und ließen mich stehen. Ich kam eines Tages in den Klassenraum und auf meinem Platz lag ein Päckchen. Als ich es öffnete, war klar was los war. In dem Packet lag eine Rasierklinge mit einem Zettel "Viel Spaß damit!". So etwas häufte sich. Dinge, die keiner wissen konnte, wurden gegen mich verwendet. Geheimnisse, die ich nie preisgegeben hatte, standen plötzlich an Tafeln oder wurden lachend weitererzählt. Zum Schluss auch tiefe Kratzer an meinem Auto, Reißzwecken auf meinem Stuhl, "aus Versehen" auf mich geschüttete Getränke.... Ihr könnt es euch sicher denken, meine damalige Freundin hatte jede Kleinigkeit die ich ihr je anvertraut hatte weitererzählt und gegen mich verwendet. Vom Ritzen in der damaligen Mobbing-Zeit, über Elternprobleme bis hin zu intimen Dingen. Ich wollte sie zur Rede stellen, doch von ihr kam nie eine Antwort auf die Frage "Warum?", bis heute nicht. Ich brach nach einem Jahr die Ausbildung ab. Ich war mit den Nerven am Ende, nachdem selbst die Lehrer auf mein Hilfegesuch nur lachten.



Emily: Das war eine schlimme Zeit. Und es ist schrecklich, dass Du keine Hilfe von den Lehrern bekommen hast. Du hast eine Therapie gemacht. Hat sie dir geholfen?

Lia: Es handelte sich um eine drei-monatige stationäre Behandlung mit Gruppen- und Einzelgesprächen, Sport und ähnlichen Aktivitäten. Doch schon in den ersten Tagen war mir das ganze nicht geheuer. Die Therapie war aufgebaut wie ein Kindergarten, so habe ich mich gefühlt. Malkurse, basteln, Sportfest....wie sollte mir das helfen? Die Gruppengespräche waren der Horror. Jeder musste sein Problem vortragen und sich der Kritik der anderen stellen. Ich erzählte von meinem Fall und von allen Seiten wurde ich beschossen, von wegen es sei kein Problem, ich hätte nur keinen Arsch in der Hose. Ich wollte mich rechtfertigen doch jeder Versuch, es den Mitpatienten begreiflich zu machen, wie hart diese Psychospielchen meiner Klassenkameraden waren, prallte an ihnen ab. Ich war die Jüngste, damals 19, die anderen begannen ab 35. Sicher nahmen sie mich nicht ernst. Als ich dann lauter wurde und meinte, es wär ne Frechheit mein Problem herunterzuspielen, wurde ich von einem 60-jährigen Mann mit Agressionsproblemen gegen eine Wand geschmissen. Und was machten die Therapeuten? Die saßen da und machten Notizen. Ich ging später zu ihnen, wollte wissen wieso keiner eingreift. "Das ist alles Teil der Therapie!" Der Höhepunkt war, als ein gleichaltriger Patient dazu kam, mit dem ich mich super verstand. Wir gingen eine Runde spazieren. Als wir wiederkamen, wurde uns gesagt, wir müssten gehen, da Beziehungen zwischen Patienten nicht erlaubt seien. Ich winkte denen mit meinem Verlobungsring vorm Gesicht herum und wies darauf hin, dass mein Freund mich jedes Wochenende besuchte. Die Mitpatienten hatten den Psychologen gesagt, wir hätten eine Beziehung, würden uns nachts sogar hinaus schleichen. Dann mussten wir unsere Zimmer räumen. Die Mitpatienten sahen mit verschränkten Armen zu wie wir packten. "Jetzt ist hier wenigst Platz für richtige Probleme" motzte dann der "Vergewaltiger"! Ob es geholfen hat? Nein!

Emily: Wenn Mitpatienten Dich verbal und körperlich angreifen, muss ein Therapeut eigentlich eingreifen. Ich denke auch, dass die Therapieform vielleicht die falsche war. Es ist trotzdem gut, sich professionelle Hilfe zu holen. Wie hast Du dich nach diesem "Misserfolg" gefühlt?

Lia: Zuerst war ich einfach nur wütend, gekränkt, mit dem Nerven am Ende, entsetzt über die Menschheit im allgemeinen. Daraus wurde dann purer Hass. Später wuchs daraus die Kraft, mich gegen so etwas resistent zu machen und niemanden zu nah an mich heran zu lassen.

Emily: Wo hast Du Dir Unterstützung geholt?

Lia: Meine Eltern und mein Freund waren nach dieser Zeit für mich da, und waren hilfreicher als jeder Arzt der Welt.

Emily: Wie ging die Sache aus?

Lia: Ich wollte mir von dieser Sache nicht die Zukunft versauen lassen und bewarb mich sofort um eine neue Ausbildung. Ich wurde angenommen und bin nun mit meinem ersten Lehrjahr fertig. Eine nette Klasse und auch Freunde habe ich auch gefunden.

Emily: Wie würdest Du die Ereignisse jetzt mit zeitlichem Abstand beurteilen?

Lia:
Es tut immer noch weh, an die Vergangenheit zu denken. Es war so grausam, was mir angetan wurde. Könnte ich das ganze nochmal durchmachen, würde ich - glaub ich - anders reagieren, evtl. sogar drüber lachen. Aber damals war ich einfach nicht stark genug.


Emily:
Hast Du einen persönlichen Rat, den Du anderen mit auf den Weg geben möchtest?

Lia: Man sollte niemals aufgeben. Egal wie hart es ist, einen Weg gibt es immer, so umständlich er auch sein mag. Wehrt euch, ob es ein gut gekonterter Spruch ist oder, um euch nicht in Gefahr zu begeben, ein Termin beim Direktor, Polizei usw. Lasst euch nicht euer Leben von sowas kaputt machen, denn genau das ist es, was Leute mit Mobbing erreichen wollen.

Emily:
Ich danke Dir Lia, dass Du so offen über dieses Thema sprichst/schreibst, das finde ich sehr mutig. Für die Zukunft wünsche ich Dir viel Kraft und alles Gute!

Fotos von Lia Addams

Mittwoch, 2. Juni 2010

Les Mads über Hasskommentare

Im HATE.Magazin für Relevanz & Stil habe ich ein Interview mit Jessica Weiß von Les Mads gefunden. Hier einige Auszüge:

Deutschsprchige Modebloggerinnen haben mit Kommentaren zu kämpfen, die oft jenseits einer guten Kinderstube liegen. Hier gehen vor allem Frauen auf Frauen los. Inhaltliche Blogposts werden gerne mal ignoriert, stattdessen wird bei Outfits beleidigend zugeschlagen und mit Vorliebe das Aussehen der Bloggerinnen beleidigt.


HATE: Die meisten Kommentare auf eurem Blog bekommt ihr für Outfits, gleichzeitig fallen da aber auch die gemeinsten und die, die euch persönlich am krassesten angreifen. Wie geht ihr mit diesem Widerspruch um?

Jessica
: Es ist sehr einfach, über den Geschmack anderer zu urteilen. Da vergessen sich einige Leser dann immer ganz gerne. Wir haben gelernt, damit umzugehen – wir akzeptieren stets andere Geschmäcker/Meinungen und ignorieren einfach die persönlichen Angreifer.

HATE: Habt ihr das Gefühl, dass ihr schlechter behandelt werdet als andere Modebloggerinnen, weil ihr einen kommerziellen Blog betreibt?

Jessica: Als uns noch niemand kannte, hatten wir kaum negatives Feedback. Erst ab einer bestimmten Größe ist man ein gern gesehendes Ziel. Das ist aber nicht nur bei uns ein Phänomen, auch andere bekannte Modeblogs im Ausland haben mit diesem Problem zu kämpfen.

HATE: Sind es eher anonyme User, die unsachlich kommentieren oder habt ihr da auch negative Erfahrungen mit Bloggerkollegen gemacht?

Jessica: zu 99% sind es anonyme Kommentatoren, die ihr Unwesen treiben. Nur in den seltensten Fällen trauen sich andere Blogger, auch ihre URL dazu zu schreiben. Ist aber auch schon vorgekommen.

HATE: Ihr werdet ja auf ganz unterschiedliche Arten angegriffen, manche gönnen euch den Erfolg nicht, andere kritisieren sehr hart euer Äußeres oder euren Geschmack, wieder andere werden wütend, weil sie die von euch präsentierte Kleidung als zu teuer empfinden. Was lässt euch kalt, was regt euch auf und was verletzt euch?

Jessica: Es sind eigentlich nie die Kommentare, die den eigenen Geschmack ankreiden, sondern vielmehr Kommentare, die falsche Behauptungen/Lügen über unsere Website, unseren Verlag oder unser Schaffen aufstellen. Oder nicht fundierte Kritik, die leider nicht den Gesamtkomplex unseres Blogs betrachtet. Gern wird Positives einfach unter den Tisch fallen gelassen, über einen Rechtschreibfehler oder andere Kleinigkeiten regen sich die Leute dann stundenlang auf. Wir haben gelernt, alles zu ignorieren - mit Ausnahme von konstruktiever Kritik. Die gibt es aber leider viel zu selten in der Anonymität des Netzes. Schwierig sind nur die Kommentare, die wirklich persönlich werden. Da kämpfen wir ganz selten immer noch mit.
Das vollstängige Interview findet Ihr im HATE. Magazin für Relevanz & Stil.
Fotos von Les Mads